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#ifeelyou

Dimensionen der Empathie

#ifeelyou

Dimensionen der Empathie

Dieser DigitalGuide kann als wachsende Plattform durch verschiedene Sichtweisen auf Empathie und die ausgestellten Werke leiten. Wir möchten euch ermutigen, in andere Schuhe zu schlüpfen. Eure eigene Haltung kommt nicht vor? Antworten, die ihr in Freitextfelder schreibt, werden nach und nach in den Guide aufgenommen. Weitere Texte aus der Stadtgesellschaft reichern den Guide stetig an.

Wählt eine Frage, der ihr durch die Ausstellung folgen möchtet. Die Auswahl beeinflusst die Kontextualisierung der Werke, die ihr an dem blau-grauen Hintergrund erkennt.

DER DIGITALGUIDE BEFINDET SICH IN EINER TESTPHASE. BITTE ENTSCHULDIGT AUFTRETENDE PROBLEME

Einführung

Angesichts von Kriegen, Ressourcenknappheit, beschleunigter Digitalisierung und Technologisierung sowie wachsendem Rassismus und politischer Radikalisierung werden unser gegenseitiges Verständnis, unsere Verantwortung und unser solidarisches Handeln auf die Probe gestellt. Was kann Empathie in diesem Zusammenhang leisten?

Die Ausstellung #ifeelyou stellt Fragen nach den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Dimensionen von Empathie. Um diese Fragen zu beantworten, braucht es viele verschiedene Stimmen. Das Kunstmuseum Bonn nähert sich dem Thema Empathie durch Werke der zeitgenössischen Kunst und einem Veranstaltungsprogramm mit Schwerpunkten auf Begegnung und Perspektivwechsel.

Warum gibt es diese Ausstellung?

Die Kuratorin Barbara J. Scheuermann erzählt

Wir empfinden nachweislich mehr Empathie für Menschen, die uns vermeintlich ähnlich sind. Das ist ja auch leichter. Aber wie verhalten wir uns all dem gegenüber, was uns fremd ist, zu dem wir nicht von uns aus sofort Nähe spüren?

Diese durch die Krisen und Konflikte unserer Zeit ausgelöste Frage ist für mich der Ausgangspunkt gewesen, um über Empathie und ihre Reflexionen in der Kunst nachzudenken. Beim Begriff „Empathie“ denken die meisten von uns zuerst an ein Gefühl: Mitgefühl, Einfühlung, vielleicht sogar an Mitleid. Aber Empathie ist nicht zuverlässig als Gefühl. Sie ist auch nicht identisch mit Mitgefühl. Und sie ist auch noch ungleich verteilt.

Nicht alles, was wahrgenommen wird, löst bei allen dieselbe Art von Reaktion aus – Persönlichkeit, Erfahrungen, Umstände und Situationen beeinflussen unsere Wahrnehmung, Meinungen und Gefühle.

Empathie verstehen wir hier deshalb als etwas, das sich erst im Zusammenspiel sozialer Bedingungen, medialer Berichterstattung und individueller Wahrnehmung entwickelt. Die Ausstellung möchte deshalb dazu einladen, nicht nur darüber nachzudenken, was wir fühlen, sondern auch darüber, wie solche Gefühle und Wahrnehmungsräume überhaupt entstehen.

Wie entsteht das, was wir als Realität der anderen überhaupt wahrnehmen? Welche Rolle spielen Medien, Bilder, Erzählungen und unsere eigenen Erfahrungen dabei? Wann fühlen wir mit, wann fühlen wir uns verantwortlich, was bleibt außerhalb unserer Aufmerksamkeit und warum?

Die Ausstellung versammelt künstlerische Arbeiten, die solche Fragen auf unterschiedliche Weise aufgreifen. Sie können erfahrbar machen, wie Wahrnehmung entsteht, sich verschiebt, verändert und wo ihre Grenzen sind – und bieten die Möglichkeit, das eigene Verhältnis zu dem Gesehenen immer wieder neu zu reflektieren und zu bestimmen.

Was bedeutet Empathie in dieser Ausstellung?

Empathie ist kein eindeutig festgelegter Begriff, sondern Gegenstand eines breiten gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und theoretischen Diskurses. Je nach Perspektive wird sie unterschiedlich verstanden und definiert.

Empathie wird oft vor allem als kognitive Fähigkeit verstanden: also als das Vermögen, sich in die Gedanken und Perspektiven anderer hineinzuversetzen. Im Zentrum steht hier das Mit-Denken. Andere Konzepte von Empathie betonen stärker die emotionale Dimension und verstehen Empathie als Mit-Fühlen – also als emotionale Resonanz auf das Erleben anderer. Und viele fragen sich, ob und wie aus Empathie auch konkretes Handeln und Verantwortung entstehen kann.

Empathie ist nicht neutral oder gleich verteilt. Dies stellt für das Nachdenken über Empathie, aber auch grundsätzlich für das menschliche Miteinander eine große Herausforderung dar. Sie entsteht häufig leichter gegenüber Menschen, die uns vermeintlich ähnlich sind, und bleibt gegenüber vermeintlich Fremdem begrenzt. Vor diesem Hintergrund kann Empathie auch als Haltung verstanden werden: als bewusste Entscheidung, sich – unabhängig davon, ob wir in diesem Moment Mitgefühl empfinden – mit anderen Perspektiven auseinanderzusetzen.

In dieser Ausstellung wird Empathie als die Fähigkeit und Bereitschaft verstanden, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen, also mitzudenken und mitzuerleben, ohne die eigene Position vollständig aufzugeben. Empathie ist damit eine aktive Form der Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Reflexionsvermögen erfordert.

Alfredo Jaar

* 1956 in Santiago de Chile, lebt und arbeitet in Lissabon

Alfredo Jaar, The Sound of Silence, 2006

Software Design: Ravi Rajan, Installationsansicht HangarBicocca, Mailand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

In seinem Werk The Sound of Silence (2006) setzt sich Alfredo Jaar mit dem Fotojournalisten Kevin Carter und seiner Fotografie auseinander, die ein sterbendes Kind und einen Geier in Sudan zeigt. 8 Minuten erzählt das Werk die Geschichte, bis das Pressebild für einen Moment aufleuchtet.

In der Literatur zu Dokumentarfotografie ist eine Frage zentral: Kann eine Fotografie wirklich Leid vermitteln, oder stellt ein Bild immer eine Distanz zwischen dem Dargestellten und den Betrachtenden her? Heutzutage sehen wir in Werbeplakaten, auf Social Media und im Fernsehen so viele Bilder von Umweltkatastrophen, Kriegen und Unfällen, dass wir den Kummer, den ein Foto zeigt, oft ausblenden. Seitdem es Deepfakes (durch Künstliche Intelligenz erzeugte, realistische Bilder) gibt, müssen wir uns, wenn wir ein Bild sehen, erst fragen, ob es echt ist und ob es wirklich das zeigt, wonach es aussieht. Kanntest du Carters Fotografie? Wusstest du, dass es die Hungersnot in Folge eines Bürgerkriegs im Sudan zeigt? Viele Menschen kennen das berühmte Foto, ohne sich mit dem Hintergrund auseinandergesetzt zu haben. 

Alfredo Jaars Werk geht über das Bild hinaus, um seine Geschichte zu erzählen. Kann Kunst, die Bilder nicht zeigt, leichter Empathie erzeugen, als Kunst, die Bilder zeigt?

Studien des Massachusetts Institute of Technology ergeben, dass das menschliche Gehirn Bilder innerhalb von Millisekunden verarbeitet. Das bedeutet, dass sie bei Betrachtenden emotionale Wirkungen erzielen, bevor diese sich überhaupt entscheiden können, ob sie das Bild betrachten möchten oder nicht. Man kann sagen: Die Emotion ist schneller als der Verstand. Diese Tatsache können sich Menschen zu Nutze machen und anhand von emotionalen Bildern bewusst spalten.

@thomasbunn00

vor 8 Monaten

„There is a reason most journalists are called vultures. They make their living off the misery of others."

Im konstanten Bilderstrom unserer Gegenwart kann Empathie uns helfen, Bildern gegenüber nicht abzustumpfen. Sie kann uns dazu bringen, uns mit dem auseinanderzusetzen, was wir sehen, wahr und falsch zu unterscheiden und zu handeln, wenn wir können.

@magnoonmomma

vor 3 Tagen

„It’s because of his photo that people now listened and realized how horrendous things were! No one was paying attention before his photo was published. He saved lives with this one photo and had no idea he was considered a hero for finally sharing with the world how awful things were and they were desperate for help."

Es gibt nur wenige Studien dazu, inwieweit Empathie vererbt oder gelernt wird. Einige neurobiologische Untersuchungen kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass etwa 50 Prozent des Empathievermögens erblich bedingt seien. Dabei spielt besonders der Oxytocin-Rezeptor eine Rolle: das so genannte Kuschelhormon.

Man kann sagen: Empathie ist weder vollständig erlernbar noch festgelegt – sie entsteht in einem Prozess. Respekt bedeutet, die Position des anderen ernst zu nehmen, ohne sie sich aneignen oder vollständig verstehen zu müssen. Statt Ähnlichkeit zählt die Bereitschaft, im Konflikt – und damit in Verbindung – zu bleiben, ohne diesen sofort aufzulösen. Entscheidend ist daher nicht, Vorprägungen zu überwinden, sondern sie sich bewusst, sichtbar und damit verhandelbar zu machen. Gerade weil Wahrnehmung und Bewertung nie neutral sind, kann Solidarität nicht auf „reiner“ Empathie beruhen, sondern muss sich durch diese Prägungen hindurch entwickeln. Die Autorin und Historikerin D’Souza plädiert dafür, Empathie nicht zur Voraussetzung von Solidarität zu machen. Verantwortung darf davon nicht abhängen: Politisches und ethisches Handeln muss auch dort möglich sein, wo Verstehen an Grenzen stößt.

Wie gehen wir mit der Unvollkommenheit unserer Empathie um?

„Empathie kann nicht mehr, als in der Misere, dem Unglück, der Unzufriedenheit eines anderen zu verweilen. Und in ein anderes Leben einzutauchen und es nachzuempfinden bedeutet ja auch, das große Ganze aus dem Blick zu verlieren. Die Perspektive zu verkleinern statt zu vergrößern und vor lauter Empathie die unbequemen Fragen nicht zu stellen”

(Caroline Würfel, Autorin und Journalistin).

Die neuropolitische Philosophin Liya Yu schreibt 2022 vom „Empathy-Burn-Out“: Durch starke Anteilnahme können Personen sich verausgaben und den Durchblick verlieren. Personen, die sich stärker abgrenzen, können manchmal das große Ganze besser erkennen. Abgrenzung und Achtung der eigenen Grenzen kann manchmal also auch im Sinne der Gemeinschaft sein.

In diesem Zusammenhang spricht der spanische Psychiater Luis de Rivera von „Ekpathie“ - dem bewussten Gegenspieler der Empathie. Ekpathie beschreibt eine emotionale Abgrenzung im Sinne des Selbstschutzes. Sie setzt keine Gleichgültigkeit und keinen Mangel an Empathie voraus und soll dabei helfen, sich von starken Gefühlen anderer Personen abzugrenzen und emotionale Manipulation zu erkennen und abzuwehren. In sozialen oder medizinischen Berufen (bspw. Für Ärztinnen oder Pfleger) kann Ekpathie eine wichtige Kompetenz sein, um in herausfordernden Situationen souverän und präsent zu bleiben.

Bis heute diskutieren Menschen, ob Carter dem dargestellten Kind hätte helfen müssen, anstelle es zu fotografieren. Einige Personen, wie diese Instagram-Nutzerin sind der Meinung, Kevin Carter hätte mit seiner Fotografie einen positiven Beitrag geleistet. Kann Aufmerksamkeit für ein Problem wichtiger sein als ein Menschenleben?

In einigen Situationen konkurrieren rationale und emotionale Faktoren: Verschiedene philosophische Szenarien, wie das sogenannte Trolley-Problem, stellen die Frage, ob ein Menschenleben geopfert werden kann, um mehrere Menschen zu retten. Die meisten Personen finden es theoretisch richtig, mehr Menschen zu retten. Wenn sie aber eine Person aktiv vor ein fahrendes Auto schubsen müssten, um andere zu retten, würden sie es nicht tun. Können sich Mitgefühl und Moral also auch widersprechen?

Hans Hemmert

1960 in Hollstadt - 2025 in Berlin

Hans Hemmert, level (2m groß sein), 1997

Installationsansicht Galerie Gebauer Berlin 1997, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

1997 entwarf Hans Hemmert Plattformschuhe in verschiedenen Höhen, die ermöglichen, dass Personen verschiedener Körpergrößen wortwörtlich auf einer Augenhöhe sein können.

Der Philosoph David Lauer (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) sieht in Anerkennung mehr Potenzial als in Empathie:

„Anerkennung setzt voraus, dass wir uns als Ebenbürtige, auf Augenhöhe begegnen, uns gegenseitig mit Ansprüchen konfrontieren und versuchen, den Ansprüchen des oder der anderen gerecht zu werden.“

Ob uns auf Augenhöhe begegnet wird, hängt unter anderem von unserer tatsächlichen Augenhöhe, also unserer Größe ab. Dabei spielen Respekt und Autorität eine entscheidende Rolle. Obwohl evolutionäre Vorteile bei der Jagd, im Kampf und bei der Partner:innensuche durch Stärke und Körpergröße heute keinen Nutzen mehr erfüllen, hält sich diese Wahrnehmung hartnäckig. 

Das Bild „auf Augenhöhe zu sein“ deutet an, dass wir uns gegenseitig nicht respektieren, wenn wir nicht die gleichen Körper oder Körpergrößen haben. Große Menschen sind oft erwachsene Männer, für die seit ihrer Jugend andere Menschen körperlich unterlegen wirken. Sie erfahren beispielsweise auf dem Schulhof aufgrund ihrer Größe weniger Provokation und Demütigung und nehmen diese Sicherheit als Selbstbewusstsein mit ins Erwachsenenalter. Diese “natürliche Autorität” wird später mit Respekt und Verantwortungsbewusstsein gleichgesetzt. Größere Menschen haben es auf der Karriereleiter leichter. Sie werden als kompetenter und charismatischer wahrgenommen.  Daraus ergibt sich nicht selten eine sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung: Trotz gleicher Kompetenz werden Menschen mit „schönen“, „normalen“ Körpern und mehr Selbstbewusstsein bevorzugt.

Kann Empathie dabei helfen, für alle Menschen gleich viel Respekt zu spüren?

Wie sich Empathie ausdrückt, hat viel mit Respekt zu tun. Der Wunsch anderen Menschen zu helfen, kann „ohne Augenhöhe“ dazu führen, dass die Wünsche und Grenzen der Person missachtet werden. Respekt wiederum ist auch ohne Empathie möglich. In der Situation stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage wir andere Menschen respektieren, wenn nicht deshalb, weil wir uns in sie hineinversetzen können.

Wenn wir wissen, mit welchen Herausforderungen und Barrieren andere Menschen konfrontiert sind und wir die Dringlichkeit dieser ernstnehmen, motiviert das zu Veränderung.

Claudia Robles-Angel 

* in Bogotá, lebt und arbeitet in Köln

Claudia Robles-Angel, Reflexion – In Sync/Out of Sync, 2019-2026

Installationsansicht MM Gerdau Museum, Belo Horizonte 2020/2021, © Claudia Robles-Angel und VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Lucas D’ Ambrosio

Über Pulsoximeter am Finger überträgt REFLEXION In Sync / Out of Sync (2019–2026) den Herzschlag von zwei teilnehmenden Personen als Licht- und Klangspiel in den Raum. Das Werk baut auf dem physiologischen Effekt der Angleichung von Herzschlägen durch emotionale Verbundenheit auf.

Laut dem Psychiater Pablo Hagemeyer entwickeln Menschen automatisch Interesse dafür, was die Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen der anderen Person bedeuten, wenn sie gemeinsam Zeit verbringen. Von Natur aus, versuchen Menschen also, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Manche Personen können sich beim Ausprobieren schnell anpassen, bei anderen können Fragen und Gespräche helfen, eine gemeinsame Stimmung herzustellen.

Welche zwischenmenschliche Bedeutung hat der Effekt des sich angleichenden Pulses zweier Personen?

„Veränderungen im Puls sind ein guter Marker für Veränderungen in der physiologischen Erregung. Sich angleichende Herzraten können deshalb bedeuten, dass Personen sich zusammen entspannen oder nervös werden. Vielleicht durchleben beide gerade dieselbe Emotion oder eine Person steckt die andere mit ihrer Erregung bzw. Entspanntheit an. Doch kann der Ausgangspuls zweier Menschen sich stark unterscheiden, z.B. weil sie unterschiedlich sportlich sind. Dann muss die physiologische Erregung einer Person steigen und die der anderen sinken, bis beide sich in der Mitte treffen. So liegt dem Effekt ein Wechselspiel aus gegenseitiger Wahrnehmung, Gefühlszuständen und individueller Physiologie zugrunde" (Leon Skottnik, Neurowissenschaftler).

Wann funktioniert dieser Effekt besonders gut?

„Es funktioniert besonders gut, wenn beide Personen einen ähnlichen Ausgangspuls haben und ähnlich auf die Situation reagieren. Wenn Aufregung oder Entspannung in einer Person sehr ausgeprägt sind, kann man sich damit aber auch anstecken. Bewusstes Wahrnehmen von emotional relevanten Signalen, wie der Atemgeschwindigkeit oder einem Lächeln, können dabei helfen. Möchte man den eigenen Puls willentlich anpassen, helfen Erfahrungen mit Atemtechniken oder Mindfulness" (Leon Skottnik, Neurowissenschaftler).

Auf welche Weise hat die Angleichung des Herzschlags mit Empathie zu tun?

„Der Zusammenhang zwischen Empathie und Herzrate bzw. physiologischer Erregung ist komplex und variiert personen- und situationsbedingt. Eine wichtige Verbindung könnte das sog. Spiegeln sein. Dabei werden körperliche Signale anderer automatisch vom Gehirn imitiert. Zusätzlich simuliert unser Gehirn den emotionalen Zustand unseres Gegenübers. Diese beiden Prozesse können dazu beitragen, dass sich Gefühlslagen und Erregungsniveaus relativ automatisch angleichen. Flexiblere Prozesse interagieren mit diesen Automatismen und bilden schließlich eine mehrschichtige Emotion: Empathie"(Leon Skottnik, Neurowissenschaftler).

Fritz Breithaupt, der Autor von „Die dunkle Seite der Empathie“ (2017) argumentiert, dass Empathie zeitlich begrenzt ist. Sie sei anstrengend, weswegen ein Ende in Sicht sein müsse. Chronisch kranken Personen gegenüber wird über den Krankheitsverlauf oft immer weniger Empathie gezeigt. Können wir mehr Empathie-Ausdauer lernen?

Boris Mikhailov 

* 1938 in Charkiw, lebt und arbeitet in Charkow und Berlin

Boris Mikhailov, Case History, 1997/98

Die über 400 Fotografien der Serie Case History (1997–99) zeigen Personen, die im Kontext des Zerfalls der Sowjetunion obdachlos geworden sind.

Boris Mikhailov versteht sich als Dokumentarfotograf und interessiert sich für neue, bisher ungesehene Bilder. Statt neutral zu dokumentieren, bezahlt und instruiert der Fotograf die Dargestellten. So stellt er Szenen dar, die Lebensrealitäten nach dem gesellschaftlichen Zusammenbruch betonen.

Mikhailovs enstanden auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und haben fast 30 Jahre nach ihrem Entstehen wieder besondere Relevanz. Die Empathie mit den Betroffenen des laufenden Angriffskriegs in der Ukraine ist hoch.

Die Menschen in Deutschland solidarisieren sich grundsätzlich mit den Ukrainer:innen, jedoch scheint diese Einstellung nicht beständig. Vladyslava Vorobiova, Vorstandsmitglied des ukrainisch-deutschen Verein Vitsche, berichtet im Interview mit MiGAZIN, dass unter anderem nach dem Stromausfall in Berlin auch die Solidarität und das Verständnis gegenüber den Ukrainer:innen zunahm. Eine Situation selbst zu spüren, ist stärker, als sie sich vorzustellen. Die Journalistin, Podcasterin und Autorin Jasmine M’Barek argumentiert, ein wortwörtliches „I feel you“ also das Fühlen der Situation des Gegenübers sei kaum möglich, weil eine weiße Frau beispielsweise nicht genau so fühlen könne, wie ein Schwarzer Mann.

Volle Empathie geht über das emotionale (und oft nach außen präsentierte) "ich fühl dich" hinaus. Um einen empathischen Umgang mit anderen Menschen zu pflegen, müssen wir ihre Situation nicht vollständig nachfühlen können. Durch das Anhören ihrer Sichtweisen und Empfindungen und dem Selbstversuch, sich in ihre Lage hineinzuversetzen, kann das eigene Verständnis und somit auch die Empathie wachsen. 

Im 17. Jahrhundert schrieb der Philosoph Thomas Hobbes, Menschen würden ohne staatliche Kontrolle zu Egoismus und Kriminalität neigen. Er vertrat die These, dass Menschen nur durch Erziehung aufhören, egoistisch zu sein. Mittlerweile gibt es viele Studien, die das Gegenteil belegen: Während Katastrophen werden die meisten Menschen von anderen Betroffenen gerettet. Am 11. September 2001 boten 40.000 Ärzte freiwillig Hilfe an. Bei einem Erdbeben in Mexiko-Stadt im Jahr 1985 beteiligten sich 2,8 Millionen Menschen an der Rettungsaktion.

„In Notsituationen kommt das Beste im Menschen zum Vorschein. Ich kenne keine andere soziologische Erkenntnis, die gleichermaßen sicher belegt ist und dennoch gänzlich ignoriert wird. Das Bild, das in den Medien gezeichnet wird, ist dem, was nach einer Katastrophe tatsächlich geschieht, diametral entgegengesetzt (niederländischer Historiker Rutger Bregman im Deutschlandfunk).

Studien zeigen: Altruismus ist ansteckend. Menschen, die sehen, wie anderen geholfen wird, werden viel wahrscheinlicher selbst helfen. Wenn jemand sieht, dass eine Person eine Spende macht, erhöht sich laut dem Journalisten Andreas von Westphalen die eigene Bereitschaft um 150 Prozent. Dabei wirkt sich das Verhalten einer Person nicht nur auf das Verhalten einer anderen Person aus, sondern auch auf die anwesenden Menschen in der Umgebung.

Mikhailovs Rolle als Fotograf dieser Szenen ist ambivalent. Der Blick der Kamera kann sowohl als kritisch, ehrlich, respektvoll, oder auch als effekthascherisch oder unberührt verstanden werden. Die Schnittstelle von Dokumentation und bildender Kunst stellt viele Fragen nach dem Umgang mit der Verletzlichkeit der Dargestellten und dem Blick des Publikums.

Welche Unterschiede ergeben sich aus der Perspektive der Fotografie?

Auf einer Fläche der Ausstellung reagiert der Verein für Gefährdetenhilfe e.V. auf das Thema Empathie. Klient:innen des Vereins stellen sich so dar, wie sie für das Theaterstück “Loreley gesucht” gesehen werden möchten, wählen die Fotos und die Art der Präsentation.

Das Stück wird am 21. Juni, 28. Juni und 5. Juli um jeweils 15 Uhr im Kunstmuseum Bonn präsentiert. Mehr Informationen findet ihr in unserem Website-Kalender und auf der Ausstellungswebsite.

Katharina Mayer 

* 1958, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Katharina Mayer, Getürkt, 1992

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Serie Getürkt umfasst über 100 Porträts von Frauen mit Kopftuch, die vor leuchtend bunten Stoffen posieren. Dokumentarische Beobachtung und Inszenierung werden hier vermischt. Daraus ergeben sich Fragen danach, wie solche Bilder entstehen und wie Vorstellungen von Identität, Zuschreibung und „Authentizität“ unsere Wahrnehmung und Perspektive formen.

„Ich beschloss zunächst, Freundinnen und Bekannte verhüllt zu fotografieren und stellte nach, was ich bereits beobachtet hatte, was sehr aufschlussreich war: Meine Vorstellungen von den Bildern vermischten sich mit denen der Fotografierten und mit der jeweiligen Einstellung zu diesem Thema. Als dann eine kritische Bemerkung fiel: ‚Ich möchte nicht Modell für eine Klischeevorstellung einer Gelsenkirchener Flohmarkttürkin abgeben‘, wurde mir klar, dass ich das ja auch nicht wollte. Ich wollte keine Persiflage eines Negativbildes dieser Frauen, sondern eine ernsthafte und phänomenologische Darstellung einer Sache. Das Resultat ist eine über 100-teilige Serie von Farbportraits von Frauen, die unabhängig ihrer Nationalität bzw. Religionszugehörigkeit verhüllt oder unbedeckt dargestellt sind“ (Katharina Mayer über Getürkt).

Sogenannte kulturelle Marker wie das Kopftuch zeigen nicht nur Zugehörigkeit, sondern beeinflussen unsere Wahrnehmung und unser Urteilsvermögen Indem sie Distanz oder Nähe erzeugen oder bestimmte Erwartungen hervorrufen, können sie unsere Empathie lenken. In ihrem Buch The Politics of the Veil (Politik des Schleiers) zeigt die Autorin Joan Wallach Scott, dass solche Zeichen gesellschaftlich aufgeladen sind und nicht nur Ausdruck „authentischer“ Identität sind, sondern auch Projektionsflächen, in denen sich Vorstellungen vom Eigenen und vom Anderen spiegeln.

Joseph Beuys 

1921 in Krefeld - 1986 in Düsseldorf

Joseph Beuys, wer nicht denken will, 1977

Kunstmuseum Bonn, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Reni Hansen

Joseph Beuys zählt zu den prägenden Figuren der Kunst des 20. Jahrhunderts. Mit seinem erweiterten Kunstbegriff beschrieb er Kunst als gesellschaftlichen Prozess. Beuys‘ Vorstellung nach kann Jede:r das Leben, insbesondere in der Politik und Wirtschaft, sozial und kreativ gestalten.

In Partei der Tiere entwirft Beuys eine symbolische Gegenordnung zur menschlichen Gesellschaft. Empathie reicht über den Menschen hinaus. Tiere werden als politische Subjekte mitgedacht. Mensch Selbstbestimmung formuliert die Forderung nach individueller Freiheit als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe – und zugleich als Verantwortung jedes Einzelnen. Mit Wer nicht denken will, fliegt raus postuliert Beuys Denken selbst als soziale Pflicht. Denken ist für Beuys bereits Handeln. Empathie erscheint hier nicht als Gefühl, sondern als Voraussetzung, um gesellschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten.

Etwa ab 1967 prägte Joseph Beuys den Begriff der „Sozialen Plastik“ im Kontext seiner erweiterten Kunsttheorie. Er verstand Kunst nicht mehr als auf Objekte beschränkt, sondern als ein viel offeneres Feld, das Denken, Sprechen und Handeln umfasst – also alles, was gesellschaftliche Prozesse formt.

Gesellschaft wird als ein offenes Gefüge verstanden, das durch Kommunikation und Beziehungen verändert werden kann. Jeder Mensch ist daran beteiligt, diese „Plastik“ mitzugestalten. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (Joseph Beuys)

Ulf Aminde 

* 1969 in Stuttgart, lebt und arbeitet in Berlin

Ulf Aminde, Frontalunterricht, 2009

Courtesy of the artist and Galerie Tanja Wagner, Berlin

Frontalunterricht entstand im Rahmen eines Theater-Workshops mit Jugendlichen, die sich der Zusammenarbeit mit dem Künstler zunächst verweigerten. Erst als der Künstler die Gruppe aufforderte, auf der Bühne vor laufender Kamera ihn selbst zu spielen, verschob sich die Situation grundlegend. Die Jugendlichen begannen, Amindes Rolle zu übernehmen, ihn zu imitieren und ihn zu kommentieren – das Stück entstand im Moment dieser Rollenverschiebung.

Schon im Kindesalter zählen Rollenspiele zu den zentralen Methoden frühkindlicher Pädagogik und sind Teil des täglichen Spiels. Rollenspiele fördern die Fantasie sowie wichtige soziale, emotionale und kognitive Fähigkeiten. Dazu zählt auch die Empathie. Durch das Einnehmen einer anderen Rolle gelingt es Kindern, sich in andere Lebenswelten zu versetzen und Empathie und Verständnis zu entwickeln.

Und ja, auch Erwachsene lernen durch Beobachtung und Nachahmung. Auf diese Weise kann Empathie erlernt oder verlernt werden. Wenn wir uns also aktiv in eine andere Person hineinversetzen und auf diese Weise handeln, stärken wir unsere eigenen Fähigkeiten und die der anderen Beteiligten. Das wirkt jedoch auch ins Gegenteil: Ein wenig-empathisches Umfeld kann laut der Professorin Grit Hein Einflüsse auf die individuellen Fähigkeiten und Bereitschaften für Empathie haben. Auch die Zunahme von Macht ist belegbar mit der Abnahme der Fähigkeit verbunden, Emotionen anderer Menschen zu lesen. 

Empathie kann hier als wechselseitige Bewegung beobachtet werden: Der Künstler versuchte, sich in die Jugendlichen hineinzuversetzen, erreichte dies aber erst, als sie seiner Einladung folgten, sich in ihn hineinzuversetzen. Aminde gibt hier Kontrolle ab, macht sich selbst zum Objekt und damit verletzbar. Empathie erscheint hier nicht als harmonische Verständigung, sondern als kritischer Moment – abhängig von Vertrauen, Skepsis und mit dem Risiko, die eigene Position zu verlieren.

Empathie ist per se einseitig: Sie basiert auf der Unterschiedlichkeit der Erfahrung und darauf, dass eine Person betroffen ist und die andere Person nicht. Die Person, die empathisch ist, fühlt sich möglicherweise auch deswegen gut, weil sie Empathie zeigt und damit eine soziale Fähigkeit beweist.

Ulf Aminde kehrt diese Dynamik der zwei Seiten um, indem er seinen Schüler:innen die einfühlsame Rolle überlässt.

In diesem Werk ist ein inszenierter Suizid zu sehen. Scrolle und gehe weiter, wenn du dich heute nicht mit diesem Thema befassen möchtest

Eva & Franco Mattes  

beide * 1976 in Italien, leben und arbeiten in New York

Eva & Franco Mattes, No Fun, 2010

Eva und Franco Mattes arbeiten als Künstler:innenduo an den Bedingungen digitaler Öffentlichkeit und Wahrnehmung im Netz. Für No Fun (2010) inszenierten sie auf Chatroulette – einer Plattform für zufällige Webcam-Begegnungen – eine Live-Situation, die später als Video dokumentiert wurde. Franco Mattes simulierte in ihrem gemeinsamen New Yorker Studio über Stunden hinweg einen Suizid mit einem Seil, während die Kamera das Geschehen übertrug.

Tausende zufällige Nutzer:innen wurden so zu Zuschauenden einer Szene, deren Echtheit sie nicht einordnen konnten. Nur eine sehr kleine Zahl alarmierte die Polizei.

Bei der Videoaufzeichnung waren die Zuschauer:innen selbst Teil des Settings: Ein im Bild eingeblendeter Laptop zeigte in Echtzeit ihre Reaktionen und erzeugte eine Art Spiegelung des Geschehens.

No fun fragt nach der Verantwortung der Betrachtenden und verweist auf die Notwendigkeit eines kritischen Umgangs mit Medienbildern.

Wie gehen wir mit Menschen um, deren Worte oder Taten nicht mit unseren Vorstellungen eines empathischen Zusammenlebens übereinstimmen? Können wir diese mit unseren moralischen Grenzen vereinbaren? Ist es nachvollziehbar, den Chatraum schnell zu verlassen? Oder die Situation dazu zu nutzen, sich selbst zu inszenieren?

„Eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit Schuld, die weder Täter*innen entschuldigt noch Opfer vergisst, ist nur über einen empathischen Zugang möglich. Empathie bedeutet hier kein Mitleid oder Mitgefühl, sondern eine Praxis des genauen Hinsehens und Selbstbefragens. Sie ist sowohl emotional als auch reflexiv. Kein Identifikationsangebot, sondern eine Methode der Erkenntnis. Sie erlaubt, Verstehen und Kritik zu verbinden: Wir können uns in Perspektiven hineindenken, ohne Verhalten zu billigen. Ein empathischer Zugang verhindert Dämonisierung und macht die gesellschaftlichen Strukturen sichtbar, die Schuld ermöglichen“ (Dr. Saskia Fischer, Universität Hannover, 2025).

Ferner stellt die Internetperformance Eva und Franco Mattes eigene Rolle im Internet zur Debatte, da die Performance traumatisierende Erfahrungen für zufällige Chatroom-Besucher:innen in Kauf nahm.

Social Media wird oft als „Polarisierungsmaschine“ verstanden, als Ort, der durch Anonymität zu unverblümten Kritiken und durch Algorithmen zu Bestärkung extremer Einstellungen führt. Der Psychotherapeut Pablo Hagemeyer beobachtet in der Interaktion in sozialen Netzwerken, dass Personen im digitalen Umgang Empathie verlernen.

„Der digitale Raum ist kein Raum ohne Konsequenzen - hier treffen echte Menschen mit echten Gefühlen aufeinander. Doch soziale Medien sind darauf ausgelegt, impulsive Reaktionen auszulösen. Wir müssen lernen, diesen Impulsen zu widerstehen und achtsam miteinander kommunizieren. Digitale Zivilcourage zeigen, wenn andere verletzt werden, und Grundrechte ernst nehmen - die eigenen wie die der anderen. Vorbilder in Schule, Jugendarbeit und Gesellschaft sollten dabei verantwortungsbewusst vorangehen" (Matthias Schaar, Evangelisches Jugendwerk Sieg • Rhein • Bonn).

 Candice Breitz

* 1972 in Johannesburg, lebt und arbeitet in Berlin

Candice Breitz, Love Story, 2016

Courtesy Goodman Gallery, Kaufmann Repetto + KOW, © Candice Breitz

Die Installation Love Story (2016) reicht über zwei Räume. Vor der Kamera erzählen verschiedene Personen von Migrationserfahrungen.

Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass Empathie besonders stark gegenüber sogenannten In-Group-Mitgliedern aktiviert wird – also jenen, die uns ähnlich oder nah erscheinen. Wenn wir nur manchen Menschen gegenüber empathisch sein können, kann Empathie spalten und Diskriminierungen verstärken.

Der sogenannte „Other Race Effect“, der beschreibt, dass Menschen, ihre “Out-Group” weniger differenziert und emotional wahrnimmt, setzt bereits im Alter von 9 Monaten ein. Das bedeutet nicht, dass Menschen natürlich Rassist:innen werden, sondern, dass es Veranlagungen für emotionale Gruppenbildung gibt. Wenn wir überzeugt sind, dass alle Menschen gleich sind, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass es Anstrengung braucht, das auszuleben. Die Autorin Susan Sontag schrieb in Regarding the Pain of Others: „Mitgefühl ist eine instabile Emotion. Sie muss in Handlung übersetzt werden, sonst verkümmert sie.“

Die „In-Groups“, mit denen Personen sich zentrale Eigenschaften teilen, sind im digitalen Raum besonders präsent. Durch Algorithmen bewegen wir uns zunehmend in „In-Groups“, sogenannten „Bubbles“, „Filterblasen“ oder auch „Echo-Chambers“.

Menschen neigen dazu, Partei zu ergreifen. Wie diese Installation zwei Seiten aufzeigt, ergeben sich durch empfundene oder nicht-empfundene Empathie manchmal auch zwei Lager.

Forschende haben gezeigt, dass politische Feindschaften die Empathie stark beeinträchtigen können. Zum Beispiel empfinden Anhänger:innen gegensätzlicher politischer Parteien oft weniger Empathie für das Leid der jeweils anderen Gruppe.

Der Wissenschaftler Fitz Breithaupt beobachtet wie Fernsehreportagen über Krisen- oder Kriegsgebiete bei verschiedenen Menschen Empathie für verschiedene Gruppen auslöst. Er sieht daher eine Gefahr darin, dass Empathie so stark sein kann, dass sie spaltet.

@gildasahebi.bsky.social

Die Antwort einer Bewohnerin aus Teheran auf die Frage, was sie von der internationalen Gemeinschaft jetzt erwartet:

„Nichts. Wir waren für die nie wichtig. Für die internationale Gemeinschaft sind die Themen Antisemitismus viel wichtiger als das Leid von uns Iranern.”

So true.

Während mehrere globale Krisen und Kriege toben, sind neben Kriegshilfen, Aufmerksamkeit, Verständnis und Anteilnahme ebenso Währungen. Wer wie viel wovon erhält, gibt sich aus einem komplexen Gefüge von Vernunft, Moral und Mitgefühl.

Nikolaj Bendix Skyum Larsen  

* 1971 in Aalborg, lebt und arbeitet in Paris

Nikolaj Larsen, Rendez-vous, 2009

© Nikolaj Larsen

Rendez-vous zeigt indische Gastarbeiter in Dubai und ihre Familien zu Hause in Kerala auf gegenüberliegenden Projektionsflächen. Das Publikum steht buchstäblich „dazwischen“. Diese Arbeit zeigt einen Grund für temporäre Migration ohne Sentimentalität.

Die Zeitung „Die Welt“ formuliert 2019 mit dem Titel „Migration ohne Ende“, dass sowohl Befürworter:innen als auch Gegner:innen von Migration von Empathie angetrieben werden. Die einen für die Menschen, die immigrieren und die anderen für die Menschen, die in Deutschland leben und von der Immigration passiv betroffen sind. Ein wesentlicher Faktor ist die Nähe der betroffenen Personen. Uns in den Arbeitskonflikt der besten Freundin oder des besten Freundes in ihre/seine Situation hineinzuversetzen, ist meistens deutlich einfacher, als in die der Chefin/des Chefs, weil die eine Situation selbst bekannt ist. Aus diesem Szenario ergibt sich die Frage, wie wir damit umgehen, dass es unterschiedlich einfach und schwierig sein kann, Empathie zu entwickeln.

Empathie findet im „anterioren cingulären Cortex“ (der mit Schmerzempfindung in Verbindung steht) und der Insula im Gehirn statt. Wenn ein Mensch den anderen dehumanisiert, also über ihn denkt oder spricht, als wäre er weniger wert als er selbst, schaltet sich dieser Teil des Gehirns aus. Aktiv ist dieser Teil des Gehirns, wenn wir Personen in Kategorien wahrnehmen, in denen wir uns auch selbst sehen, z.B. Sohn, Vater, Schwimmerin, Musikerin. Das heißt: Wenn wir uns gegenseitig kennenlernen und Ähnlichkeiten entdecken, löst das Gehirn mehr Gefühle aus.

Philipp Gufler  

* 1989 in Augsburg, lebt und arbeitet in München

Philipp Gufler, Lana Kaiser (Filmstill), 2020

Courtesy BQ, Berlin, Foto: Roman März

Lana Kaiser (2013) porträtiert die 2018 verschwundene gleichnamige Entertainerin (ehem. Daniel Küblböck) und ihre Rolle als schillernde Projektionsfläche zwischen kollektiver Empathie und Mitleidlosigkeit.

 „Als ich Lana Kaiser mit 13 Jahren das erste Mal im Fernsehen sah, war ich von ihrer Erscheinung und ihren Gesten beeindruckt. Es war das erste Mal, dass ich eine queere Person sah, die es ablehnte als entweder männlich oder weiblich identifiziert zu werden. Die Casting-Show war Lanas Chance, dem bayrischen Landleben zu entfliehen. Da sie nur vier Jahre älter als ich war und ebenso wie ich im ländlichen Gebiet zwei Stunden außerhalb Münchens aufgewachsen war, stellte sie eine Person dar, mit der ich mich identifizieren konnte. Ihre Konzerte zu besuchen war eine Möglichkeit, das kleine, konservative Dorf, in dem ich lebte, zeitweise zu verlassen. Als das Internet zunehmend auch von zu Hause aus verfügbar wurde, begann ich Online-Chatrooms zu besuchen, um mich mit anderen Lana-Fans auszutauschen. In der Reality-Fernsehsendung machte sie sich extrem sichtbar und wurde so sogar vor dem Aufkommen der Social Media zum Opfer von „Shit-Storms“. Sie als Teenager auf der Bühne beim Konzert zu sehen, machte mir deutlich, was für einen großen Tribut diese Sichtbarkeit und ihre Weigerung, sich konform zu geben von Lana forderten. Als Fans von Lana Kaiser ist uns der gleiche queerfeindliche Hass tagtäglich entgegengekommen, der von den Medien immer weiter produziert wurde" (Philipp Gufler).

"Lana hat so viele Menschen mit ihrer positiven Energie bestärkt. Ich hätte Lana Kaiser so gern noch einmal persönlich gesagt, wie wichtig sie für mich als Jugendlicher war und immer bleiben wird. Trotz ihres Beitrags für eine offene und diverse Gesellschaft war sie in ihren letzten Tagen ganz allein, auf der Flucht vor dem Boulevard auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Weg nach New York, um endlich ohne öffentlichen Druck ihr Leben als Frau leben zu können. Ich hätte es mir so für sie gewünscht, dass sie heute als Lana Kaiser, oder wie auch immer sie sich weiterentwickelt hätte, lebt und endlich akzeptiert wird. In der Berichterstattung nach ihrem Verschwinden wurde wieder jedes private Detail ihres Lebens skandalisiert und ihre Transidentität thematisiert, ohne dass ihr Wunschname Lana Kaiser respektiert wurde” (Philipp Gufler).

Die intensive parasoziale* Beziehung vieler Fans zu Lana Kaiser, wie Philipp Gufler sie hier auch beschreibt, entstand vor allem dadurch, dass sie für viele queere Jugendliche eine seltene Form von Sichtbarkeit und Zugehörigkeit verkörperte, aber auch von Angreifbarkeit in ihrer besonderen Rolle. Lana Kaisers öffentliche Präsenz machte auch sichtbar, wie verletzlich Menschen werden, wenn ihnen gesellschaftliche Anerkennung verweigert wird – und zugleich, dass Repräsentation Selbstermächtigung, Empathie und Identifikation ermöglichen kann.

*Der Begriff ‚parasozial‘ wird verwendet, um die durch Medien und soziale Netzwerke entstehende, teilweise sehr intensiv empfundene, einseitige emotionale Nähe zu öffentlichen Personen zu beschreiben.

Renate Bertlmann 

* 1943 in Wien, lebt und arbeitet in Wien

Renate Bertlmann, Im Visier und Messer-Rucksack: Le Voyage, 2025

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Mareike Tocha

Bei Renate Bertlmanns Werk Im Visier (2025) handelt es sich um eine Widmung an alle misshandelten Frauen.

Gleichberechtigung und Empathie stehen im Verhältnis zueinander. Fast jede dritte Frau wird in ihrem Leben Opfer (sexualisierter) Gewalt. Männer machen dabei einen überdurchschnittlichen Anteil (77,7%) der Tatverdächtigen aus (BKA, 2025).

Was haben betroffene Frauen jedoch von dieser Widmung? Empathie wird erst für andere wirkungsvoll, wenn sie sichtbar wird. Bis dahin fühlt sie sich nur für die empathische Person gut an. Es stellen sich Fragen nach der Rolle von Sprache. Kann sie Empathie vermitteln? Kann durch Sprache eine gesamte Ausstellung einer Gruppe gewidmet werden?

Zwischen Männern und Frauen kann Empathie sich unterscheiden. Während Frauen sich zunehmend vernetzen und über ihr Erlebtes in Verbindung treten, wird bei Männern ein gegenläufiger Trend deutlich („Männliche Einsamkeitsepidemie”, Manosphäre, Incels, etc.). „Männlichkeits-Influencer“ wie Andrew Tate verbreiten das Narrativ, Frauen seien ihren männlichen Artgenossen unterlegen. Männer werden gezielt dazu aufgerufen, Frauen abzuwerten und entsprechend zu behandeln. Diese Spaltung zwischen Männern und Frauen führt neben tatsächlichen Gefahren für Frauen auch zu großen Einsamkeitsgefühlen und zu Isolation bei Männern. Ein Symptom mangelnder Empathie?

Tatsächlich reagieren die Belohnungssysteme von Männern und Frauen auf empathische Handlungen unterschiedlich – beispielsweise, wenn sie anderen Hilfe anbieten oder sich um Angehörige sorgen. Diese Unterschiedlichkeit hat ihren Ursprung in der Sozialisierung. Schon im Kindesalter werden bestimmte Attribute eher Jungen oder Mädchen zugeschrieben. Mädchen wird früh beigebracht, sich ruhig und angepasst zu verhalten und sich um ihr Umfeld zu kümmern. Gleichzeitig wird Jungen traditionell vermittelt, sie sollen sich nicht „wie Mädchen“ verhalten – stattdessen mutig und stark sein. So lernen sie früh, weiblich angesehene Merkmale abzulehnen, während sie Frauen lieben sollen – eine widersprüchliche Aufgabe, gerade für heranwachsende Männer.

Wie hängen Empathie und Moral zusammen?

Moral umfasst die Prinzipien und Werte, die unser Handeln leiten und beurteilen. Moralische Systeme können kulturell geprägt oder universell angelegt sein. Sie sind davon unabhängig, ob wir emotional involviert sind. Manchmal wird Empathie selbst zur moralischen Vorgabe gemacht, etwa in Aussagen wie „Du solltest dich in andere hineinversetzen.“ Das kann die Wahrnehmung und die Ausübung von Empathie beeinflussen. Unsere moralische Haltung kann unsere Empathiefähigkeit erheblich beeinflussen, sowohl in der Art und Weise, wie wir Empathie empfinden, als auch in der Richtung, auf wen oder was sich diese Empathie richtet.

Grit Hein, Professorin für Translationale Soziale Neurowissenschaften hat getestet, wie Empathie sich überträgt – also sozusagen, ob sie ansteckend ist. In mehreren Schritten bekamen Testpersonen Videos gezeigt von  Händen, die gerade einen schmerzhaften Reiz erhielten. Anschließend wurden ihnen die mehr oder weniger empathischen Reaktionen anderer Personen auf die gleichen Videos gezeigt.

Das Ergebnis zeigte, dass durch die Beobachtung mehr oder weniger empathischer Menschen, die eigene empathische Reaktion der Versuchsteilnehmer:innen stieg oder sank. Außerdem änderte sich die neuronale Reaktion auf den Schmerz. Forschende sprechen dabei von beobachtungsbasiertem Verstärkungslernen.

Das bedeutet, dass auch Erwachsene durch das Beobachten ihres Umfelds lernen und entsprechend reagieren. Sich gezielt mit empathischen Menschen zu umgeben, macht uns selbst also auch empathischer – oder umgekehrt.

Das Ganze funktioniert aber auch gegenläufig: Verhalte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber (un)empathisch, kann das dazu führen, dass diese sich an meinem Verhalten orientieren.

KURATORIN DER AUSSTELLUNG

Barbara J. Scheuermann

KURATORIN DES RAHMENPROGRAMMS UND DIGITALGUIDES

Lucy Degens

PRAKTIKANTIN

Merle Klosterhoff

@KunstmuseumBonn

www.kunstmuseum-bonn.de

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